Vom Ego zum Selbst

In Wahrheit ist das, was wir Ego nennen, ohne Substanz. Ego ist ein Begriff für ein „Ich“, das es in Wahrheit überhaupt nicht gibt.

 

Schauen wir uns die menschliche Anatomie von der Ebene der Wirklichkeit an, dann gibt es ein Selbst, das wir weder greifen, noch sehen, noch mit den Sinnen wahrnehmen können. Das Selbst können wir auch grenzenloses Bewusstsein, Gott, das Tao, Brahman, die Quelle allen Seins, höchste Schöpferkraft nennen. Das universelle Selbst erfährt sich durch und in seiner gesamten, eigenen Schöpfung. Das universelle Selbst ist ohne Anfang und ohne Ende und daher überall, alles durchdringend. Das universelle Selbst ist grenzenlos, es existiert nichts außer ihm.

 

Im Tao Te King heißt es:

„Das Tao tut nichts, doch es lässt nichts ungetan.“

„Wenn du das Tao benennen kannst, dann ist es nicht das Tao.“

 

Das universelle Selbst erfährt sich als „Mensch“ (natürlich auch als Tier, als Baum, als Blume, als Grashalm..).  Die äußere Körperhülle, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können, setzt sich aus den 5 Elementen zusammen, die wiederum aus dem universellen Selbst hervorgehen. Die 5 Elemente bilden Gewebe, Organe, Sinnesorgane, Handlungsorgane, Nervensystem, Gehirn … einen perfekten Körper, der sich selbst erhält, sich selbst repariert. Ein perfektes Wunderwerk als Aufenthaltsort für das höchste Wesen.

 

Das Wunderwerk Mensch ist ausgestattet mit einem Denkapparat, der Fähigkeit zu denken, zu erkennen, zu reflektieren, zu analysieren, zu unterscheiden, sich zu erinnern, zu planen, zu erfinden.

 

Das Denken soll dem „Menschen“ zu Diensten sein für seine menschliche Erfahrung. Doch es ist gerade das Denken, das dem Menschen zur Wahrnehmung seines wahren Wesens buchstäblich die Sicht verschlägt. Ein unaufhörlicher Gedankenstrom durchzieht permanent den Geist des Menschen -  so wie eine dichte Wolkendecke den strahlend blauen Himmel verschleiert -  und lässt das aus sich selbst strahlende Selbst nicht wahrnehmen.

 

Gekoppelt an das Denken ist die Fähigkeit zu fühlen. Ein Gedanke wie z.B. „ich bin nicht gut genug“ löst die Emotion von Angst aus und Folgegedanken wie z.B. „hoffentlich merken das die Anderen nicht“, ich muss mich ganz besonders anstrengen“, und diese Folgegedanken lösen wiederum neue Emotionen aus. Diesen Funktionsmechanismus aus Gedanken und Gefühlen, der ein Ich-Gefühl erzeugt, nennen wir Ego. Durch diesen Mechanismus wird ein Ich erzeugt, das es in Wahrheit gar nicht gibt.

 

Es gibt einzig das universelle Selbst, das sich -  umhüllt mit der Natur der Elemente und dadurch sichtbar als Körper - als Mensch erfährt und sich durch das Menschsein in die Welt gebärt.

 

Das Ego,  also dieser begrenzte Gedanken-Emotionen-Mechanismus, erkennt nicht aus seinem eigenen Denkvorgang heraus, DAS, was über ihn hinausgeht. Dieser Denkvorgang „denkt“ Ich. Das Ego-Ich, für das sich der Mensch hält, ist nur ein „erdachtes Ich“, das nicht existiert.  Dies ist die große Unwissenheit aus der heraus der Mensch lebt und aus der das ganze menschliche Leiden erzeugt wird. Warum? Das Ego, also das Ich, das es in Wahrheit nicht gibt, erzeugt ein falsches Selbst-Gefühl, eine scheinbar getrennte Identität. Der Mensch bezieht sein Selbstgefühl aus dem Ego, sprich aus dem permanenten Gedankenfluss, der Gefühle erzeugt und eine scheinbare Identität entstehen lässt. Diese Identität wird verteidigt. Aus dem Ego entstehen Konkurrenzdenken, Neid, Eifersucht, Ängste, Ärger, Hass, Streitlust, Kampfbereitschaft, Kampfeslust, Besitzdenken, Verlustangst, Existenzängste, Habenwollen, Besitzenwollen, Rechthaberei, Machtausübung, Vereinnahmung, Härte, Kälte, Mein-und-Dein, Stolz, Machtspielchen …. Das Ego will gewinnen, das Ego nimmt sich sehr wichtig. Ich, ich, ich, mein, mein, mein. Menschliches Drama, menschliches Leiden, neurotisches Verhalten, menschliche Kälte, Ausbeutung der Erde, Massentierhaltung, Verlust an Respekt für die Schöpfung und ihre Lebewesen, Verlust an Staunen für die Schönheit dieser Existenz, Kriege, innere Leere, Depression und so weiter …

 

Zu erwachen bedeutet also nicht mehr als: die Wahrheit erkennen, dass es kein Ich, nur ein Selbst gibt. Einzig Gott existiert. Tat Tvam Asi. Und DAS bist Du.

 

Und diese Erkenntnis ist das, was wir in der Mystik „den Tod des Egos“ nennen. Doch was nie existiert hat, kann in Wahrheit auch nicht sterben. Der Tod des Egos ist also in Wahrheit gleichzeitig die Geburt Gottes im Menschen, die Menschwerdung Gottes. Dies ist das Ziel des gesamten Lebens überhaupt. Mit jeder neuen, menschlichen Geburt hat der Mensch die Chance zu dieser höchsten Erkenntnis, die ihn befreit.

 

Das Selbst ist frei von Eigenschaften, seiner Natur nach Stille und gleichzeitig geht doch alles aus ihm hervor. Die Definition des universellen Selbst wird im Vedanta als Sat-Cit-Ananda bezeichnet. Sat bedeutet Wahrheit, der Urgrund der Existenz, Essenz, Reinheit, die Unsterblichkeit jenseits der Natur Cit ist Bewusstsein, Wissen, das über den Intellekt hinausgeht. Ananda ist Glückseligkeit.

 

Wenn der Mensch das universelle Selbst als sein Ich erkennt wird er mit ihm eins. Er erfährt innere Stille, inneren Frieden, Staunen über das Wunder dieser herrlichen Schöpfung, bedingungslose Liebe zu allem Existierenden, denn alles ist das Selbst. Der Mensch erkennt sich in allem und alles in ihm.

 

Und nur diese Erkenntnis der Wirklichkeit, die wir auch Erleuchtung nennen -  weil uns endlich das Licht aufgeht, dass es kein Ich sondern einzig Gott gibt -  ist die Voraussetzung für wahrhaften inneren und globalen Frieden, für ein Leben in Liebe und Mitgefühl mit Mensch, Tier, Natur, der gesamten Schöpfung.

 

 

Für ein Leben in Einklang, Frieden und Liebe.  

Angelika Maria Häbel